Interview mit Andreas Schmittfull von Phantom Winter

Mit „Into Dark Science“ legen die, wenn man es in einem Begriff zusammenfassen will, blackened Post-Hardcore-Noise-Doomer PHANTOM WINTER aus Würzburg bereits ihr drittes Album vor. Bandkopf Andreas Schmittfull über Hexen, Frankenstein und unpolitische Menschen.

Das neue Album von PHANTOM WINTER heißt „Into Dark Science“ – was steckt hinter diesem Titel?
Es geht bei unseren Songs oft um die Hexe als Metapher. Frauen (und auch vereinzelt Männern), die sich mit Kräutern und so auskannten, rote Haare hatten und dergleichen wurde ja von diversen Menschen oft übel mitgespielt. Da hat man einfach behauptet, die jeweilige „Hexe“ habe irgendwen oder irgendwas verwunschen, um einen Sündenbock zu haben. Na ja, und so ist der Titel auch relativ zweischneidig. Im Prinzip ist es eine Ode an alle, die sich mit unserer Hexe identifizieren können.

Im Pressetext wird das das Album textlich als Konzeptalbum über deine „inneren Ungeheuer“, aber auch die Welten von Sylvia Plath und Mary Shelly umschrieben. Könntest du uns das vielleicht etwas genauer erklären: Worum geht es in den sechs Texten, und was haben Plath/Shelley damit zu tun?
Ich habe mir vorgenommen, zu den Texten nicht mehr so viel zu sagen. Jeder soll da selbst interpretieren und für sich etwas herausziehen. Es gibt ja auch zu jedem Song Linernotes. Shelley ist vor allem durch Frankenstein berühmt geworden. Der Text zum Titelsong besteht aus Frankenstein-Zitaten. Plath kommt in „The Initiation Of Darkness“ zu Wort. Hier werden Plath-Textausschnitte von meiner Frau Johanna vorgelesen. Prinzipiell beschäftige ich mich immer gerne und viel mit Plaths Gedichten und Geschichten. Sie ist eine unheimlich ergreifende Persönlichkeit und ihr frühes Ableben ist mehr als tragisch. Mir geben ihre Worte Kraft. Insgesamt ist „Into Dark Science“, wie immer bei PHANTOM WINTER, trotz der negativ wirkenden Atmosphäre, ein äußerst positiv aufzufassendes Album. Und wohin die Reise geht, ist ungewiss. Deshalb ist der letzte Song der Platte auch mit „Godspeed! Voyager“ betitelt.

Steckt in dem Titel eine Anspielung auf die Band Godspeed! You, Black Emperor?
Eigentlich nicht. Ich habe die Band schon live gesehen und auch ein paar Platten im Schrank, wahrscheinlich hat sich die Vokabel deshalb in meinem Wortschatz eingenistet. Aber mit der Band hat der Song letztendlich gar nichts zu tun.

Lässt du dich generell gerne von Literatur zu deinen Text-Themen inspirieren?
Ja. Die Songs sind stets durchzogen von Zitaten. Auch die Linernotes jedes unserer Songs ist ein Zitat. Literatur inspiriert mich wesentlich stärker als Musik.

In welchem Kontext steht das Artwork zu den Texten? Gibt es einen konkreten Bezug im Bild, oder warum denkst du, ist es die perfekte Visualisierung eurer Texte?
Oliver von Hummelgrafik macht schon immer unser Artwork. Er bekommt von mir eine Idee, was so grob zu sehen sein soll. Außerdem bekommt er die Texte und Demoaufnahmen. Und dann werkelt er herum. Diesmal wollte ich eine Art Hexe auf dem Cover haben, wobei mir hierbei gefällt, dass sich das Cover a) perfekt zu „Cvlt“ und „Sundown Pleasures“ passt und b) die Hexe nicht eindeutig zu identifizieren ist.

Musikalisch ist das Album erfrischend anders als euer letztes, es hat viele düstere, ruhige Passagen. Was hat euch zu dieser kleinen aber feinen Änderung eures Stils bewegt?
Puh. Da ist eigentlich recht wenig Planung dahinter. Christof, unser Drummer, nennt es immer „meine Vision“, die ich wohl umsetze. Vieles entsteht bei PHANTOM WINTER natürlich und spontan. Irgendwie fügt es sich von selbst zusammen. Der Text bestimmt hierbei meist die Musik … oder zumindest das Thema. Es ist viel Arbeit, bis ich alles so habe, wie es möglichst passend ineinander greift. Text, Musik, Intention, Vision.

Gleich der erste solche Part, im Opener, erinnert stark an die klassischen Bethlehem-Cleanparts, nicht zuletzt der skurrilen Geräuschkulisse und der von einer Frauenstimme gesprochenen Vocals wegen. Reiner Zufall?
Ich habe in meinem Leben tatsächlich noch nie einen Song von Bethlehem gehört.

Die Songs klingen auch diesmal sehr dynamisch, impulsiv und eruptiv. Wie entstehen eure Songs ganz grundsätzlich, und wie viel passiert noch spontan im Studio?
Ich gehe in meinen Proberaum, der sich in meinem Haus befindet, und schreibe die Songs. Manchmal habe ich einen kreativen Tag, manchmal breche ich nach einer gewissen Zeit ab. Da nehme ich dann alles auf, stelle die Songs fertig und präsentiere sie den anderen. Wir treffen uns dann, ich zeige ihnen, wie ich mir was genau vorstelle und wir proben. Im Studio wird nur aufgenommen. Ist sehr effektiv und die anderen können sich auf andere Dinge konzentrieren, was allen nur recht ist.

Ihr verwendet auf dem Album viele noisige Sounds – wie geht ihr da bei der Soundfindung vor?
Role von der Tonmeisterei mischt und mastert das Zeug und wir hören uns das an, treffen uns, schreiben eine Liste, Role verändert, wir hören es uns an, schreiben eine Liste und so weiter und so fort. Das geht dann so lange, bis der Sound so ist, wie wir ihn uns wünschen. Möglichst dreckig.

Mit Deathrite und Space Chaser spielt ihr, wie schon im Februar, im März nochmal drei Gigs – zieht ihr solche Minitouren vor, oder geht es sich privat einfach nicht aus, länger auf Tour zu gehen?
Ich glaube, das ist bei uns so 50/50. Wir haben alle Kinder und Jobs, deshalb können wir nur begrenzt touren. Und dann sind wir auch nicht mehr die Jüngsten und nach zwei bis drei Shows meistens froh, wenn wir nach Bier, Whiskey und Gebrüll wieder etwas Ruhe haben. Liest sich gerade furchtbar langweilig … ist aber so.

Wie stehst du generell zum Live-Spielen? Stress oder Entspannung? Pflicht oder Kür?
Wir lieben es alle sehr, unterwegs zu sein. Es ist jedes Mal wie ein wahnsinniger Abenteuerurlaub, vor allem, wenn man mit so Spezialisten wie Deathrite und Space Chaser unterwegs ist. Keiner von uns möchte das missen. Andere Bands, Veranstalter, Konzertgänger zu treffen ist immer eine feine Sache und auch die Chance, alte und neue Freunde zu treffen.

Schreibt ihr Songs um live zu spielen, oder spielt ihr live, um das Resultat eurer Studioarbeit zu bewerben?
Ich schreibe Songs, um live spielen zu können und auch um die Songs selbst anhören zu können. Wenn andere das Ergebnis dann auch mögen, ist das natürlich prima und ich freue mich. Generell mag ich fast alles am Bandleben. Irgendwie ist man so überall zuhause.


Gerade auf Facebook präsentiert ihr euch euren Fans als klar links positionierte Band und postet auch oftmals politische Statements, die absolut nichts mit der Musik zu tun haben. Persönlich begrüße ich es sehr, wenn Bands ihre Reichweite nutzen und für Toleranz werben, aber wie ist da generell so das Feedback? Bekommt ihr auch negative Reaktionen, einerseits von Leuten, die einfach nur über eure Bandaktivitäten informiert werden wollen, andererseits vielleicht sogar aus anderen politischen Lagern?
Uns „entfreunden“ ständig Leute auf Facebook. Das ist OK. Wenn jemand der Meinung ist, uns nicht hören zu wollen, weil wir diverse Dinge ablehnen, handelt die Person automatisch politisch. Das ist interessant und irgendwie lustig, weil es dem widerspricht, was mit dem „Entfreunden“ und Nichthören anscheinend bezweckt werden soll.

Wir sind mit Metalbands wie Anthrax, Sodom, Iron Maiden, Napalm Death, Nasum, Sacred Reich, Nuclear Assault, Suicidal Tendencies, Testament, Kreator und so weiter groß geworden. Metal war für uns irgendwie schon immer etwas Positives, etwas Politisches, denn jeder Mensch ist und handelt politisch, selbst in dem Moment, wenn es zu Aussagen wie „Musik und Politik haben nichts miteinander zu tun“ kommt. Wenn das jemand anders sieht, ist das völlig OK und seine/ihre Sache. Im Prinzip geht es uns auf dieser Ebene darum, dass es so vielen Menschen wie möglich gut geht. Keine Ahnung. Wer der Meinung ist, dass es besonders crazy, evil und halt „metal“ ist, menschenverachtende Scheiße abzufeiern, kann das ja gern tun. Wir können damit halt nichts anfangen. Im Prinzip denke ich, dass man halt trotz allem keinen zu großen Stock im Arsch haben darf.

Und wie geht ihr mit solchem negativen Feedback um?
So locker aber auch so konsequent wie möglich. Im Endeffekt wollen wir uns und unseren Kindern noch in die Augen schauen können, egal was wir machen. Das ist das, was zählt.

Besten Dank für Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming:
Angela Merkel: Helmut Kohl
Türkei: Ist mal ein Bekannter hingetrampt, weil ich ihm das Buch „On the road“ von Kerouac zum 18. Geburtstag geschenkt habe.
Slayer: „Show No Mercy“
Dein aktuelles Lieblingsalbum: „The White Goddess“ (Atlantean Kodex)
PHANTOM WINTER in 10 Jahren: Keine Termine und leicht einen sitzen.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Hört mehr Space Chaser, Deathrite und PHANTOM WINTER.